Warum Unternehmer ihre eigene Unzufriedenheit systematisch übergehen

Vielen Unternehmern geht es gut. Das Unternehmen läuft, die Zahlen stimmen, von außen ist alles in Ordnung. Und trotzdem bleibt bei manchen ein leises Unbehagen, das sich schwer benennen lässt: dass zu viel an einem selbst hängt, dass die Freiheit nicht mitgewachsen ist, dass etwas fehlt, obwohl objektiv nichts fehlt. Meist wird dieses Gefühl im selben Moment wieder weggeschoben, in dem es auftaucht. Man müsse ja dankbar sein. Genau dieses Wegschieben ist der eigentliche Vorgang – und er verdient einen zweiten Blick.

Unzufriedenheit - Das Barometer symbolisiert die eigene Wahrnehmung als Instrument, das notwendige Veränderungen früh anzeigt.

Viele Unternehmer übergehen ihre Unzufriedenheit, weil es objektiv gut läuft. Warum die eigene Wahrnehmung kein Luxus ist, sondern ein Instrument.

Inhaltsverzeichnis

Warum Unternehmer ihre eigene Unzufriedenheit systematisch übergehen

Neulich sagte ein Unternehmer im Gespräch einen Satz, der hängen blieb. Er beschrieb, wie viel Kraft ihn seine Firma koste, wie wenig Freiraum ihm bleibe, wie sehr am Ende doch alles an ihm hänge – und fügte im selben Atemzug hinzu, er müsse ja eigentlich dankbar sein. Schließlich sitze er nicht im Gefängnis.

Der Satz klingt vernünftig. Und genau das macht ihn so aufschlussreich. Denn in dem Moment, in dem der Unternehmer seine Unzufriedenheit ausspricht, nimmt er sie sich auch schon wieder weg. Er beschreibt eine Belastung – und verbietet sie sich, noch bevor er sie zu Ende gedacht hat.

Wenn es objektiv gut geht, darf es einem nicht schlecht gehen

Vielen Unternehmern geht es, an äußeren Maßstäben gemessen, gut. Das Unternehmen läuft. Es gibt Aufträge, Mitarbeiter, ein Einkommen, das andere sich wünschen. Von außen betrachtet ist wenig Anlass zur Klage.

Genau daraus entsteht ein stiller Mechanismus. Wer objektiv erfolgreich ist, empfindet die eigene Erschöpfung schnell als unangemessen. Andere hätten größere Sorgen. Andere kämpften ums Überleben. Wer da über fehlende Freiheit oder wachsende Last spricht, kommt sich beinahe undankbar vor.

Die Unzufriedenheit verschwindet dadurch nicht. Sie wird nur unaussprechbar. Und was man sich nicht erlaubt zu empfinden, kann man auch nicht betrachten.

Wenn Dankbarkeit die eigene Wahrnehmung überdeckt

Dankbarkeit gilt als Tugend, und in vielem ist sie es auch. Doch sie hat eine zweite Seite, die selten benannt wird. Sie kann eine Empfindung stilllegen, bevor sie gefährlich wird.

„Ich müsste doch dankbar sein“ ist selten eine Feststellung. Meistens ist es eine Aufforderung an sich selbst, das eigene Unbehagen zu übergehen. Ein leiser Befehl, zufrieden zu sein mit dem, was ist. Solange dieser Befehl wirkt, bleibt alles beim Alten. Nicht, weil sich nichts ändern ließe, sondern weil das, was sich ändern wollte, gar nicht erst zu Wort kommt.

So überdeckt eine Tugend die Wahrnehmung der Unzufriedenheit. Sie hält den Betrieb ruhig. Und sie hält zugleich die Frage klein, die eigentlich beantwortet werden will.

Der Vergleich mit dem Schlimmeren

Wer sagt, er sitze ja nicht im Gefängnis, misst seine Lage am Extrem. Und weil sie nicht das Extrem ist, spricht er sich das Recht ab, unter ihr zu leiden.

Der Vergleich mit dem Schlimmeren ist ein verlässlicher Weg, die eigene Situation nicht ernst nehmen zu müssen. Es gibt immer jemanden, dem es schlechter geht. Es gibt immer eine Not, die größer ist. Solange man dorthin schaut, erscheint die eigene Lage erträglich, fast komfortabel.

Doch der Vergleich verrät mehr, als er verbergen soll. Niemand greift zum Bild des Gefängnisses, wenn er sich frei fühlt. Das Bild taucht auf, weil etwas an der Lage sich eng anfühlt. Der Satz, der die Enge kleinreden soll, benennt sie zugleich.

Warum das Übergehen so lange gut funktioniert

Die Nichtbeachtung der eigenen Unzufriedenheit ist keine Schwäche. Es ist eine erlernte Fähigkeit, und oft eine, die lange gute Dienste geleistet hat.

Wer ein Unternehmen aufbaut, muss durchhalten können. Muss weitermachen, wenn es schwierig wird. Muss eigene Bedürfnisse zurückstellen, wenn die Lage es verlangt. Diese Fähigkeit, sich selbst und seine Unzufriedenheit zu übergehen, ist in vielen Phasen genau das, was ein Unternehmen trägt.

Nur wird aus der Fähigkeit irgendwann eine Gewohnheit. Was einmal Kraft gab, kostet später Kraft. Das Zurückstellen der eigenen Empfindung, das in der Gründungsphase überlebenswichtig war, wird in einer stabilen Phase zur stillen Selbstvergessenheit. Man merkt es nicht, weil man es immer schon so gemacht hat. Bis die Frage, wie es einem selbst eigentlich geht, gar nicht mehr gestellt wird.

Die eigene Wahrnehmung ist kein Luxus

Ich kenne diesen Mechanismus nicht nur aus Gesprächen mit Unternehmern. Auch in meinem eigenen unternehmerischen Leben gab es Phasen, in denen ich meine eigene Unzufriedenheit für ein Luxusproblem hielt, das ich mir nicht leisten dürfe, solange die Zahlen stimmten.

Im Nachhinein war das ein Irrtum. Denn die eigene Wahrnehmung ist kein Luxus, den man sich erst nach dem Erfolg gönnt. Sie ist ein Instrument. Wer sein Unbehagen dauerhaft übergeht, verliert nicht nur ein Gefühl. Er verliert einen Zugang zu Informationen über sein Unternehmen und über sich selbst, die ihm sonst nirgendwo begegnen.

Unzufriedenheit ist ein Hinweis, dass etwas Aufmerksamkeit verlangt. Sie zu übergehen heißt, diesen Hinweis wegzudrücken, bevor man weiß, worauf er zeigt.

Wahrnehmen heißt nicht handeln

Der erste Schritt ist deshalb kein Schritt nach außen. Es geht nicht sofort darum, etwas zu verändern, umzubauen, zu lösen. Es geht zunächst nur darum, die eigene Lage überhaupt ernst nehmen zu dürfen – ohne die sofortige Selbstkorrektur, man müsse ja dankbar sein.

Hier liegt der eigentliche Punkt, und er wird leicht überlesen. Die eigene Unzufriedenheit wahrzunehmen ist kein Handlungsauftrag. Wer sein Unbehagen ernst nimmt, muss nicht sofort das Geschäftsmodell umbauen, Mitarbeiter entlassen oder das Unternehmen verkaufen. Genau diese Gleichsetzung – wahrnehmen heiße handeln – ist einer der Gründe, warum die Wahrnehmung überhaupt übergangen wird. Wer ahnt, dass er auf ein Gefühl sofort reagieren müsste, drückt das Gefühl lieber weg.

Löst man diese Kopplung, verliert das Wahrnehmen seinen Schrecken. Die Empfindung darf einen Moment stehen bleiben, ohne dass daraus schon eine Entscheidung folgt. Was danach kommt, entscheidet jeder für sich – und oft ist es weniger dramatisch, als die Vermeidung befürchten ließ. Aber vorher entscheidet sich, ob überhaupt etwas kommen kann. Solange die Unzufriedenheit übergangen wird, verändert sich nichts. Erst wenn sie angesehen werden darf, wird sie zu dem, was sie eigentlich ist: kein Zeichen von Undankbarkeit, sondern der Anfang von Klarheit.

Weiterführende Gedanken:

Einordnung:

DENKPOST

Einmal im Monat ein Impuls zum Nachdenken. Sonst nichts.

Nach oben scrollen