Der unsichtbare Beginn einer Unternehmenskrise

Wenn Aufträge wegbrechen, die Liquidität knapp wird oder eine Bank unangenehme Fragen stellt, scheint die Ursache einer Unternehmenskrise schnell gefunden. Der Markt ist schwieriger geworden, ein wichtiger Kunde ist abgesprungen, Kosten sind gestiegen oder eine Investition hat sich anders entwickelt als geplant. All das kann stimmen. Und trotzdem beginnt eine Unternehmenskrise häufig nicht dort, wo wir sie zum ersten Mal deutlich wahrnehmen. Denn bis ein Problem in den Zahlen sichtbar wird, hat es oftmals bereits eine längere Geschichte.

Unternehmer stoppt fallende Dominosteine als Symbol für eine Unternehmenskrise

Unternehmenskrise erkennen heißt: nicht nur auf Symptome reagieren. Warum die Ursache oft in Entscheidungen liegt, die lange vorher getroffen wurden.

Inhaltsverzeichnis

Eine Unternehmenskrise beginnt selten dort, wo sie sichtbar wird

Entscheidungen wurden vertagt. Entwicklungen schöngeredet. Strukturen weitergeführt, obwohl sie längst nicht mehr funktioniert haben. Vielleicht wurde ein großer Kunde gehalten, obwohl mit ihm kaum noch Geld verdient wurde. Vielleicht wurde Umsatz mit Erfolg verwechselt. Vielleicht war der Unternehmer so sehr mit dem Tagesgeschäft beschäftigt, dass für die grundlegenden Fragen kaum noch Zeit blieb. Die Krise wird dann plötzlich sichtbar. Entstanden ist sie möglicherweise schon viel früher.

Nicht jede Krise entsteht im Unternehmen

Natürlich wäre es zu einfach, jede Unternehmenskrise auf falsche Entscheidungen der Geschäftsleitung zurückzuführen. Krisenursachen haben viele Gesichter – Märkte verändern sich. Kunden fallen aus. Lieferketten brechen zusammen. Gesetzliche Rahmenbedingungen ändern sich. Manchmal geschieht etwas, das niemand vorhersehen konnte. Die entscheidende Frage ist deshalb nicht, ob ein Unternehmen jede Krise hätte verhindern können, sondern auf welche Struktur ein solches Ereignis trifft.

Ein Unternehmen mit ausreichender Liquidität erlebt den Ausfall eines Kunden anders als eines, das ohnehin seit Monaten kaum noch Spielraum besitzt. Ein Unternehmen mit klaren Verantwortlichkeiten reagiert auf Veränderungen anders als eines, in dem sämtliche Entscheidungen beim Inhaber zusammenlaufen. Und ein Unternehmer, der seine Zahlen kennt, erkennt eine Entwicklung möglicherweise früher als jemand, der sich hauptsächlich darauf verlässt, dass es schon irgendwie weitergehen wird.

Dasselbe Ereignis kann deshalb zwei Unternehmen treffen und vollkommen unterschiedliche Folgen haben. Die Unternehmenskrise kommt möglicherweise von außen. Wie verwundbar ein Unternehmen dafür ist, hat jedoch oft eine Vorgeschichte.

Zahlen zeigen meistens erst das Ergebnis

Wenn es wirtschaftlich schwierig wird, wandert der Blick verständlicherweise zuerst auf die Zahlen. Liquidität, Umsatz, Kosten, offene Forderungen und Auftragsbestand werden plötzlich sehr genau betrachtet. Das ist notwendig. Aber Zahlen erzählen immer nur einen Teil der Geschichte.

Ein Kunde, mit dem seit Jahren kein Geld verdient wird, ist zunächst eine kaufmännische Größe. Dahinter kann jedoch eine ganz andere Frage liegen: Warum wurde die Geschäftsbeziehung so lange fortgeführt? Eine Produktlinie mit guten Umsätzen, aber schlechten Margen lässt sich berechnen. Schwieriger ist die Frage, warum niemand die Konsequenz gezogen hat. Und wenn ein Unternehmer sämtliche wichtigen Entscheidungen selbst treffen muss, lässt sich auch das organisatorisch beschreiben. Interessanter wird es dort, wo man fragt, warum diese Struktur entstanden ist und weshalb sie trotz zunehmender Probleme beibehalten wurde.

An diesem Punkt wird aus der Betrachtung einzelner Symptome eine Standortbestimmung. Nicht nur: Was funktioniert nicht mehr? Sondern: Wie ist diese Situation entstanden?

In der Unternehmenskrise steigt der Druck, schnell zu handeln

Je schwieriger eine Situation wird, desto stärker wird gewöhnlich der Wunsch nach einer schnellen Lösung. Kosten senken. Gespräche mit Banken führen. Kunden gewinnen. Zahlungsziele verändern. Personal abbauen. Prozesse optimieren. Vieles davon kann im Krisenmanagement notwendig sein.

Gefährlich wird es dort, wo Geschwindigkeit mit Klarheit verwechselt wird. Denn eine Maßnahme kann vollkommen richtig sein und trotzdem das falsche Problem lösen. Wer beispielsweise ausschließlich Kosten reduziert, obwohl das eigentliche Problem ein nicht mehr tragfähiges Geschäftsmodell ist, verschafft sich möglicherweise Zeit, verändert aber nicht die Ursache. Wer mehr Vertrieb fordert, obwohl mit jedem zusätzlichen Auftrag Verluste entstehen, beschleunigt sogar das Problem. Und wer sämtliche Entscheidungen wieder an sich zieht, weil in der Krise „jetzt keine Zeit für Diskussionen“ sei, stabilisiert vielleicht kurzfristig genau jene Abhängigkeit, die das Unternehmen schon vorher geschwächt hat.

Deshalb ist die erste Frage in einer Unternehmenskrise nicht zwangsläufig: Was müssen wir jetzt tun? Manchmal muss vorher eine andere beantwortet werden: Was ist hier eigentlich los?

Unternehmen tragen die Handschrift ihrer Unternehmer

Unternehmen entstehen nicht unabhängig von den Menschen, die sie führen. Entscheidungswege, Verantwortlichkeiten, Kundenstrukturen, Investitionen und Prioritäten entwickeln sich über Jahre. Vieles davon funktioniert lange gut. Manche Strukturen waren in einer früheren Unternehmensphase sogar genau richtig.

Nur verändern sich Unternehmen. Was bei zehn Mitarbeitern funktioniert hat, kann bei fünfzig zum Problem werden. Was während starken Wachstums sinnvoll war, kann in einem stagnierenden Markt zu teuer sein. Was der Unternehmer früher selbst entscheiden musste, kann irgendwann genau deshalb zum Engpass werden, weil noch immer alles bei ihm landet.

Solche Entwicklungen sind selten das Ergebnis einer einzelnen falschen Entscheidung. Sie entstehen schrittweise. Und gerade deshalb sind sie so schwer zu erkennen. Man gewöhnt sich an Abläufe, an bestimmte Kunden, an die Art, wie Entscheidungen getroffen werden, und an Probleme, die längst zum Alltag gehören. Irgendwann fühlt sich eine Struktur normal an, nur weil sie lange existiert. Bis sie nicht mehr trägt.

Eine Unternehmenskrise verändert den Blick

Ich kenne wirtschaftlichen Druck, Konflikte und unternehmerische Krisen nicht nur aus der Beratung. Auch in meinem eigenen unternehmerischen Leben gab es Situationen, in denen sich im Nachhinein erkennen ließ, dass das sichtbare Problem nicht an dem Tag entstanden war, an dem es unübersehbar wurde.

Das ist keine besonders angenehme Erkenntnis. Denn es wäre einfacher, ausschließlich auf äußere Umstände zu zeigen: auf den Markt, eine Bank, einen Geschäftspartner oder einen Kunden. Nur entsteht daraus noch keine neue Handlungsfähigkeit. Interessanter wird es, wenn die eigene Rolle ebenfalls Teil der Betrachtung sein darf.

Welche Entscheidungen habe ich nicht getroffen? Welche Entwicklung wollte ich nicht sehen? Wo habe ich an etwas festgehalten, weil es früher funktioniert hat? Und welche Strukturen habe ich selbst geschaffen oder zumindest über Jahre mitgetragen?

Dabei geht es nicht um Schuld. Es geht um Zusammenhang. Denn erst wenn er sichtbar wird, entsteht die Möglichkeit, tatsächlich etwas zu verändern.

Nicht jede Krise braucht sofort eine große Lösung

In schwierigen Situationen entsteht leicht der Eindruck, das gesamte Unternehmen müsse neu erfunden werden. Auch das kann Aktionismus sein. Vielleicht liegt der entscheidende Punkt an einer ganz anderen Stelle: in einer einzigen nicht getroffenen Entscheidung, in einer unprofitablen Leistung, in einer unklaren Verantwortung, in einem Geschäftsbereich, an dem aus Gewohnheit festgehalten wird, oder darin, dass niemand mehr genau weiß, welche Zahlen eigentlich entscheidend sind.

Die Aufgabe besteht deshalb zunächst darin, zu unterscheiden: Was ist Ursache? Was ist Folge? Was ist ein akutes Problem, das sofort gelöst werden muss? Und was ist eine grundlegende Strukturfrage, die schon lange vorher bestanden hat?

Je klarer diese Unterschiede werden, desto weniger muss gleichzeitig gelöst werden. Das macht eine Krise nicht automatisch leicht. Aber es macht sie möglicherweise wieder bearbeitbar.

Wo Handlungsspielraum entsteht

Eine Unternehmenskrise beginnen selten mit der ersten Mahnung, dem verlorenen Auftrag oder dem kritischen Bankgespräch. Häufig wird sie dort lediglich sichtbar. Ihre Vorgeschichte liegt in Entscheidungen, Strukturen, Annahmen und Entwicklungen, die sich über längere Zeit aufgebaut haben.

Deshalb reicht es nicht immer, ausschließlich auf das offensichtlichste Problem zu reagieren. Manchmal muss zunächst verstanden werden, welche Zusammenhänge zu der Situation geführt haben. Dabei steht der Unternehmer nicht außerhalb des Systems. Er gehört dazu.

Das bedeutet nicht, dass er jede Unternehmenskrise selbst verursacht hat. Und es bedeutet ebenso wenig, dass er allein über ihre Lösung entscheidet. Aber dort, wo der eigene Anteil sichtbar wird, entsteht etwas Entscheidendes: Handlungsspielraum.

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